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Plötzliche Nebenwirkung

Das Hormon Epo, das gegen Blutarmut und beim Doping eingesetzt wird, löst rätselhafte Immunreaktionen aus

Schlapp und matt fühlen sich Nierenkranke, die auch noch unter Blutarmut leiden. Ihre geschwächten Nieren stellen nicht mehr genügend Erythropoetin her – jenes Hormon, das für die Bildung der roten Blutkörperchen zuständig ist, die den Körper mit Sauerstoff versorgen. Gentechnisch hergestelltes „Epo“ ist deshalb nicht nur als Dopingmittel beliebt, sondern kann auch Nierenkranken helfen. Doch das einst als segensreich empfundene Mittel macht die Patienten mitunter noch kränker. Bei einem von drei zugelassenen Epo-Präparaten tritt seit wenigen Jahren eine erhebliche Nebenwirkung auf: Gegen „Eprex“, das in Europa unter dem Namen „Erypo“ von Janssen-Cilag/OrthoBiotech vertrieben wird, haben weltweit 141 Patienten – davon sieben Deutsche – Antikörper gebildet. Das heißt, dass das körpereigene Abwehrsystem diese Substanz bekämpft. Fatal für den Patienten, denn die Antikörper richten sich nicht nur gegen das Medikament, sondern auch gegen das von seinem Körper noch hergestellte restliche Epo. In der Folge kommt es zu einer Anämie, die in der Regel viel stärker ist als vor Beginn der Epo- Therapie, die die Blutarmut doch eigentlich bekämpfen sollte. Der Patient ist fortan auf Blutkonserven angewiesen.

Wie es dazu kommen kann, haben Nierenspezialisten kürzlich erneut auf dem Kongress der Gesellschaft für Nephrologie diskutiert. Demnach könnten zum einen die Silikon-haltigen Fertigspritzen, in denen das Medikament geliefert wird, der Auslöser sein. Denn aus ihnen könnten sich Silikon- Teilchen herauslösen und Epo-Moleküle zusammenballen, sodass diese die Immunreaktion auslösen. Zum anderen könnte der Stabilisator „Tween80“, der seit wenigen Jahren das bisher verwendete Serum-Albumin ersetzt, die Ursache für den Kampf des Immunsystems sein. Immerhin ist Eprex seit mehr als zwölf Jahren auf dem Markt, und größere Probleme gab es erst in jüngerer Zeit, wie Werner Kleophas von der Deutschen Dialysegesellschaft niedergelassener Ärzte anmerkt. In Betracht kommen womöglich aber auch weitere Änderungen im Herstellungsprozess. Denn Epo besteht nicht nur aus Aminosäuren, sondern auch aus Kohlehydraten, und deren Zusammensetzung hängt von den Produktionsbedingungen ab.

Wenn ein Patient erst einmal Antikörper gebildet hat, können Ärzte nur versuchen, das Immunsystem zu dämpfen. „Das hat aber nicht regelmäßig Erfolg“, sagt der Nierenspezialist Kai-Uwe Eckardt von der Berliner Charité. Er und seine Kollegen können nur abwarten, was die mit Hochdruck betriebenen Studien zur Ursachenforschung ergeben.

Alle Hypothesen würden zurzeit untersucht, sagt Marlis Richter, Sprecherin von OrthoBiotech. „Allerdings gibt es noch keine Ergebnisse, die die Antikörperbildung erklären.“ Kai-Uwe Eckardt wagt dagegen eine Prognose: „Vermutlich spielen mehrere Gründe hinein.“ Geringfügige Veränderungen im Epo- Molekül könnten ebenso wie Veränderungen des Lösungsmittels oder der Lagerbedingungen dazu führen, dass das Immunsystem einiger empfindlicher Personen überreagiert.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 10.11.02

 

 
 
 
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Letzte Aktualisierung: 14.09.2008
     

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