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Herkules mit Busen (aus Stern
18.10.02 )
Der Fotograf redet ohne Unterlass. Sagt blumige Dinge wie: »Was
die Oper für die Stimme ist, ist Body-building für den
Körper.« Oder: »Der Körper einer muskulösen
Frau ist wie eine Landschaft.« Und dann schaut man auf seine
Bilder und sieht Gebirge aus Muskeln, Sehnen, Adern. Oberarme so
prall wie Oberschenkel und Oberschenkel so gewaltig wie Baumstämme.
Das verstört, das provoziert. Genau das will der Künstler:
Bill Dobbins choreografiert den Schock.
Sie brechen Tabus
Die Frauen sind groß und stark und angsteinflößend.
Sie brechen Tabus. Sie sind ein Albtraum für Männer, weil
die sich bei ihrem Anblick merkwürdig klein und lächerlich
und eben gar nicht männlich vorkommen. Starkes Geschlecht,
schwaches Geschlecht? Das war immer Unfug. Aber hier stimmt nichts
mehr. Diesen Damen, das ist die erste Reaktion, möchte Mann
bei Nacht nicht begegnen. Und einigen nicht mal am Tage.
Emanzipation?
Der Fotograf Dobbins sieht in diesem Muskelwahn allerdings Emanzipation
- warum sollten sie nicht, genau wie Männer, mit ihrem Körper
anstellen, was sie wollen? Mitte Oktober ist wieder Wahl zu Miss
und Mister Olympia, und zu dieser Fleischmesse reisen die Titanen
beiderlei Geschlechts nach Las Vegas und posieren auf der Bühne.
Was, ob Männlein oder Weiblein, gleichermaßen grotesk
und monströs ausschaut. Wo rohe Kräfte sinnlos balzen.
»Lasst die Frauen nicht zu männlich werden«
Seit 1977 werden Bodybuilding-Wettbewerbe auch für Frauen ausgetragen.
Allein in den USA verdienen 250 Damen mit Bizeps und Trizeps ihren
Lebensunterhalt. Die Erfolgreichsten, wie Th-Resa Bostick alias
»Nubian Goddess«, betreiben eigene Webpages, auf der
sie Fans allerlei Sinnstiftendes von Kalorienverbrauch bis Lieblingsfarbe
mitteilen. Ihre Kollegin Lesa Lewis, hauptberuflich Bauarbeiterin,
verblüfft die Leserschaft mit dem Wunsch: »Lasst die
Frauen nicht zu männlich werden.« Das sieht der Internationale
Verband der Körpermäster offenbar ähnlich und verfügte
vor drei Jahren neue Regularien. Die Frauen sollen danach, sinngemäß,
auch als solche erkennbar bleiben und eben nicht wie Hermaphroditen
aufs Podium stampfen. Gebracht hat's nichts.
Problem: Männer
»Schönheit des Körpers hat etwas Tierisches, wenn
sie geistlos ist«, schrieb Demokrit. Muskelzuwachs als Sport
wird zur Obsession: fressen und hungern in festgezurrten Intervallen,
nur die Hirnmasse verkümmert. Irgendwann kann's sogar kippen
in Sucht, und dann sind wohl auch künstliche Hormone im Spiel,
das längst keines mehr ist. Fotograf Dobbins tut das alles
ab - hat nicht auch Madonna Muckis? Huldigten nicht die alten Griechen
schon dem Körperkult? Er macht es sich da zu einfach. Und weiß
es an sich besser. Dobbins hat im Laufe von 25 Jahren zigtausend
Fotos von Bodybuilderinnen gemacht. Er ist mit vielen von ihnen
gut befreundet und kennt ihr »problem number one«: Männer.
Wenn die Muskeln wachsen und die Brüste schrumpfen, gehen viele
Kerle stiften. Wahrscheinlich ist es so wie Dobbins im Vorwort seines
Buches »Moderne Amazonen« unfreiwillig komisch notiert:
»Solche Frauen können den Verkehr zum Erliegen bringen.«
Von Michael Streck
© Stern
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