Gefährdete Generation
Der frühe Tod von Athleten aus der Hochdopingphase zwischen
1968 und 1990 wirft Fragen auf Robert Hartmann
FRANKFURT A.M., 22. November. Es ist der Name ihres einstigen Trainers,
der bei der Todesnachricht der 38 Jahre alt gewordenen US-amerikanischen
800-m-Läuferin Kim Gallagher nachdenklich stimmt: Der Kalifornier
Chuck DeBus, galt als besonders skrupellos, wenn es zum Doping mit
Hilfe von Anabolika kam. Seine Methoden kamen während einer
Kongress-Anhörung im Jahr 1990 ans Licht, als die kranke Sprinterin
Diane Williams, WM-Zweite von Helsinki 1983 über 100 Meter,
unter Weinkrämpfen das verheimlichte betrügerische Treiben
gestand und dem Richter von dem schleichenden Verbrechen an ihrem
sich allmählich vermännlichenden Körper berichtete.
DeBus wurde anschließend von seinem Leichtathletik-Verband
für jede weitere Trainertätigkeit ausgeschlossen.
Er betreute die elegant laufende Kim Gallagher von 1983 bis 1988,
und in diese Zeit fielen ihre beiden olympischen Medaillen, Silber
in Los Angeles und Bronze in Seoul. Zu Wettkämpfen tauchte
sie nur sporadisch auf, was vornehmlich an einer schier endlosen
Abfolge von schweren Krankheiten lag. Nur sechs Monate vor den Sommerspielen
1984 wurde eine Zyste an den Eierstöcken operativ entfernt.
Zeitzeugen schilderten während jener Zeit, dass sie innerhalb
viel zu kurzer Zeit einen auffällig muskulösen Körper
bekam. An Dickdarmkrebs und Magenkrebs litt sie dann seit 1989 und
1995. Die Amerikanerin verweigerte sich nun allen ärztlichen
Empfehlungen und versuchte stattdessen, sich mit bizarren Behandlungen
selbst zu kurieren, etwa mit Vitaminen, Diät und Ruhe. Am Montag
erlag sie schließlich in einem Krankenhaus in Philadelphia
einem zweiten Schlaganfall.
Ebenfalls 38 Jahre alt war ihre US-amerikanische Kollegin Florence
Griffith-Joyner, als sie vor fünf Jahren am plötzlichen
Herztod starb. Postum hält sie immer noch die Weltrekorde über
100 Meter und 200 Meter, mit 10,49 und 21,34 Sekunden. Kürzlich
wurde auch der Tod des früheren US-Diskuswerfers Ben Plucknett
gemeldet. Mit seinen 71,32 Metern vom 4. Juni 1983 in Eugene nimmt
er in der Weltrangliste immer noch den fünften Platz ein. Er
wurde 48 Jahre alt.
Während Vermutungen bei jedem Einzelfall hochspekulativ bleiben
müssen, fällt doch die Häufigkeit der Todesfälle
bei Spitzensportlern auf, auch in Deutschland. Es scheint, als sei
die Lebenserwartung jener Athleten-Generation aus der 25 Jahre andauernden
Hochdopingphase zwischen 1968 und 1990 lange nicht so hoch wie die
der übrigen Bevölkerung. Der Düsseldorfer Professor
Hans Krüskemper stellte schon 1979 fest, dass die Vergabe von
Anabolika an Frauen ohne medizinisch angezeigte Gründe ein
"ärztlicher Kunstfehler" sei. Das Krebsrisiko beispielsweise
wurde damals schon als eine Auswirkung des Hormon-Dopings beschrieben.
Die Doper wussten, dass sie sich auf ein äußerst gefährliches
Terrain begaben. Allerdings konnten sie die Bedenken erst einmal
aufschieben. Doch in ihren Körpern begann eine Zeitbombe zu
ticken, begleitet von der ständigen Furcht, dass sie erst Jahrzehnte
nach dem Sündenfall, jedoch viel zu früh, explodiert.
Quelle: Berlin Online
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