Intimrasiert, verschwitzt, gewalttätig
Wo früher das Proletariat Conan dem Barbaren
nacheiferte, drillt sich jetzt die Mittelschicht: Ein Besuch im
Sportstudio. Meine Freundin besucht jetzt einen Kickboxkurs. Weitere
Fragen zum aktuellen Zustand unserer Beziehung erübrigen sich
wohl. "Wenn sich Mann und Frau in der Vertikalen nichts mehr
zu sagen haben, dann sollten sie es doch mal in der Horizontalen
versuchen", rät Serge Gainsbourg. Aber das Leben ist leider
kein Chanson, wir sind schon ziemlich lange zusammen, und so bin
ich auf die klassischen Mittel der Beziehungsherumdokterei zurückgeworfen:
Versuchen zu verstehen. Mitmachen. Gemeinsame Erlebnisse schaffen.
Ich packe also meine Sporttasche und beginne zu verstehen. Es handelt
sich nicht um klassisches Kickboxen, sondern um "Kick-Fit",
eine markenrechtsfreie Variante des amerikanischen "Tae Bo".
Man trägt keinen Gummihelm und keine Bandagen um die Hand,
sondern Sportschuhe und leichte Cargohosen. Man prügelt auch
nicht auf einen kleinen Asiaten ein, sondern in die Luft. Dies geschieht
im Takt schneller HipHop-Musik und zu den scharfen Kommandos eines
Trainers. Zählen die Teilnehmerinnen die "Pushs and Kicks"
nicht laut genug mit, schreit er sie an: "Das war zu leise
- noch einmal! ACHT, SIEBEN, SECHS " Eine Art Gewaltaerobic
also.
Da kann ich nicht mitmachen. Drill löst bei mir Angstreflexe
aus, auch wenn ich nicht von Rekruten, sondern von Frauen umgeben
bin und mich statt eines miesen Unteroffiziers ein schöner
Coach anbrüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Ich habe als
Kind Erich Kästners Berichte vom Exerzierplatz gelesen. Sorry.
Ins Fitnessstudio komme ich trotzdem mit. "Du kannst ja dort
etwas anderes machen, und wir treffen uns anschließend in
der Sauna", sagt meine Freundin. Etwas anderes. Dort stehen
Fließbänder, auf denen man läuft und dabei Musikfernsehen,
Soaps oder fallende Aktienkurse auf n-tv guckt. Es gibt diverse
Geräte aus Stahl, nach den "modernsten Erkenntnissen des
Bodystylings und Bodyshapings". Fachhistoriker könnten
wahrscheinlich nachweisen, dass sie aus der frühen Phase der
spanischen Inquisition stammen.
Vor einem Jahrzehnt waren solche Schwitzstätten noch dem Proletariat
vorbehalten, das seine äußere Erscheinung Conan dem Barbaren
anpassen wollte. Die Mittelschicht sprach verächtlich von "Muckibuden".
Das Gleiche ist für die gleichen Leute nun Pflicht, seit die
Industrie einen "Wellnessbereich" hinzugefügt hat
und das ganze jetzt "Club" nennt oder "Dschimm".
Das Einzige, was in diesem GYM entfernt mit wirklichem Sport zu
tun hat, ist ein Schwimmbecken. Es ist wegen einer Reparatur gesperrt.
Untrainiert verziehe ich mich in die Sauna.
Dort hängt ein Schild: "Wir bitten unsere Gäste,
unter der Saunadusche aus hygienischen Gründen keine Intimrasuren
mehr vorzunehmen." Ein interessanter Hinweis. Aber ganz unnötig.
Die anwesenden jungen Damen haben die Intimrasuren alle schon zu
Hause vorgenommen. Viele sind tätowiert, es gibt kaum einen
nicht durchschossenen Bauchnabel. Im GYM kann man überhaupt
ein anderes Bewusstsein für Körper beobachten als in der
Sauna des städtischen Schwimmbads. Ein seltsames: Mädchen
scheinen ein breites Kreuz oder Bauchmuskeln für ihre sekundären
Geschlechtsmerkmale zu halten. Männer wackeln mit dem straffen
Hintern, um den Beine-Bauch-Po-Workout nachzuweisen.
Der Besuch einer gewöhnlichen Sauna ist ein gutes Mittel,
um Pubertierenden vor Augen zu führen, das Menschen anders
aussehen, als die Werbewirtschaft uns weismachen will. Diese Erkenntnis,
meinen Pädagogen, baue Depressionen vor und helfe, eine gesunde
Sexualität zu entwickeln. Der Besuch einer Sauna im GYM funktioniert
genau umgekehrt: Er beweist, dass Menschen sehr wohl so aussehen
können wie in Werbung, Frauenzeitschriften und Soaps. Und dass,
wer das nicht tut, selbst schuld ist. Doch, es gibt auch Dicke im
GYM. Aber keine, die dick bleiben wollen. Darum ist die Atmosphäre
im GYM auch trotz aller Waschbretter, Piercings und Vaginas überhaupt
nicht sexuell. Es geht um die schwierige Arbeit, den eigenen Körper
einem fremden Bilde anzupassen. Um Leistung und ihre Präsentation.
Die Leute hier begehren nicht den anderen Körper, sondern die
Anerkennung des eigenen.
Als meine Freundin nach ihrem sechzigminütigen Kurs in die
Sauna kommt, sieht sie abgekämpft aus - im Wortsinn. Kein Wunder:
Sie hat eine Stunde lang auf Befehl in die Luft getreten und geboxt.
"Da kann ich wunderbar meine Aggressionen ablassen", sagt
sie.
Der Besuch im GYM hat mich körperbewusst gemacht. Mit ganz
anderen Augen sehe ich nun die vertraute Frau: Ist ihr Po straff
- oder gestrafft?
Quelle: TAZ vom 22.11.02
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