Um optimal in Form zu bleiben, sind gerade regelmäßig trainierende
Sportler gezwungen, sich täglich ausreichend mit Protein zu versorgen.
Da Variation der Schlüssel zu einer ausgewogenen, hochwertigen Ernährung
ist, stehen sie einerseits vor dem Problem, auch Proteinquellen
wählen zu müssen, die relativ viel Fett enthalten, anderseits müssen
Sie stets einen (wenn auch nicht exzessiven) Proteinüberschuss erreichen,
um Aminosäurebilanzen und Verdauungsverluste auszugleichen. Verzweigkettige
Aminosäuren (Branched Chain Amino Acids, BCAAs), so genannt wegen
ihrer spezifischen Molekülstruktur, können die Lösung sein. Sie
bieten dem Athleten folgende Vorteile:
- Sie sind extrem wichtig für die Regeneration und Erhaltung von
Muskelgewebe,
- haben eine stark anabole (aufbauende) Wirkung,
- beeinflussen den Energiehaushalt positiv
- verbessern die Ausdauer, und
- agieren als Nitrogendonatoren (Stickstofflieferanten) für den
Aufbau nichtessentieller Aminosäuren (Alanin/Glucose-Zyklus).
Wenn Sie eine proteinreiche Mahlzeit zu sich nehmen, werden die
verzweigkettigen Aminosäuren als erste resorbiert. Nach der Überarbeitung
in der Leber sind beinahe 70 % aller ins Blut gelangenden Aminosäuren BCAAs. Danach werden sie sehr schnell von den Muskeln aufgenommen.
In den ersten drei Stunden nach einer Mahlzeit machen die verzweigkettigen
Aminosäuren etwa 50-90 % der gesamten Aminosäurenaufnahme der Muskeln
aus. Daneben stimulieren BCAAs, besonders Leucin, die Produktion
von Insulin. Insulin unterstützt zusammen mit den BCAAs die Aufnahme
aller anderen Aminos (außer Tryptophan) durch die Muskelzellen.
Um die verzweigtkettigen Aminosäuren optimal nutzen zu können, müssen
sie alle zusammen eingenommen werden (die alleinige Einnahme von
Leucin hat einen negativen Effekt auf die Proteinverwertung im Körper).
Die schnelle Absorption der BCAAs verhindert die Aufnahme von zwei
anderen wichtigen Aminosäuren der gleichen Gruppe, Tryptophan und
Tyrosin. Als einzelne, freie Aminosäuren sollten sie nicht zusammen
mit BCAA-Präparaten eingenommen werden, sondern am besten in einem
zeitlichen Abstand von drei Stunden.
Für die Metabolisierung von BCAAs sind drei Stoffe besonders wichtig:
Biotin, Pantothensäure und Vitamin B 6. Wenn sie ein Präparat mit
verzweigtkettigen Aminos einnehmen, sollten Sie auf die ausreichende
Zufuhr dieser Nährstoffe achten.
Die isolierte Zufuhr von BCAAs, d.h. die alleinige Einnahme von
allen drei verzweigkettigen Aminosäuren vor einem Kraft oder Ausdauertraining
ist nach neueren Erkenntnissen nicht mehr zu rechtfertigen. Die
Zufuhr vor dem Training zieht bei der Energiegewinnung aus BCAAs
eine erhebliche Harnstoffbelastung nach sich. Aus 1g BCAAs entsteht
ca. 0,5g Harnstoff, der den Organismus belastet. Vor allem vor Ausdauerbelastungen
ist aus diesem Grund von einer Einnahme von BCAAs abzuraten, doch
auch ein forciertes Krafttraining dürfte den Körper veranlassen,
zuvor eingenommenes Isoleucin oder Valin überwiegend zur Energiegewinnung
heranzuziehen.
Die isolierte Zufuhr von Leucin, Isoleucin und Valin kann die Proteinsynthese
für den Muskelaufbau zeitweilig stören. BCAA Präparate sollten deshalb
besser in Verbindung mit anderem Protein eingenommen werden, bevorzugt
mit Eiweißen, die nur geringe Mengen an verzweigtkettigen Aminos
aufweisen.
Ein Vorteil der Zufuhr von BCAAs für den Sportler liegt im ammoniaksenkenden
Effekt, den diese Aminosäuren auf den Organismus ausüben. Während
Arginin und Ornithin die Leber beim Abbau des Stoffwechsel- "Verlangsamerers"
Ammoniak unterstützen, können Leucin und Isoleucin die gleiche Aufgabe
in der Muskulatur übernehmen. Da BCAAs bevorzugt im Blut transportiert
werden, hemmen sie die Zufuhr anderer Aminos der gleichen Gruppe,
wie Tryptophan, Phenylalanin und Tyrosin zum Gehirn. Falls Sie also
Wert legen auf einen hohen Serotoninausstoß (und damit einen höheren
HGH-Ausstoß), sollten Sie nach Möglichkeit keine BCAAs zusätzlich
zum Nahrungsprotein einnehmen.
Der verzweigtkettigen Aminosäure L-Leucin kommt im Energiestoffwechsel
eine besondere Bedeutung zu. Besonders in Zeiten reduzierter Kohlenhydratzufuhr
(Schlankheitskuren, Wettkampfvorbereitung) kann Leucin die Auswirkungen
einer reduzierten Energiezufuhr durch Glucose aus Kohlenhydraten
- (Blut)Plasmaglucose zur Aufrechterhaltung des Blutzuckerspiegels
- mindern, indem es den Abbau von Glucose in Muskeln und Gehirn
hemmt. Valin und Isoleucin werden bei Kohlenhydratmangel hauptsächlich
zur Gluconeogenese (Neubildung von Glucose) verwendet. Doch die
Wirkung von Leucin als Regulator bei Glucosemangel darf nicht überbewertet
werden und rechtfertigt allein nicht eine erhöhte Leucinzufuhr.
Wichtiger ist in diesem Zusammenhang der im Vergleich zu anderen
Aminosäuren überproportional starke Abbau von Leucin in den Muskeln
bei körperlicher Belastung. Der Verlust an Leucin wird schnell durch
körpereigene Reserven (Aminosäurenpool, Muskeleiweiß) ausgeglichen.
Dieser Umstand würde eine überproportionale Zufuhr von Leucin bei
Sportlern rechtfertigen. Doch muss davon abgeraten werden, Leucin
isoliert einzunehmen. Besser ist die Zufuhr von hochwertigem WheyProtein,
das einen hohen Gehalt an Leucin aufweist, oder die Kombination
von BCAAs mit anderem Protein.